Lemminge und ihre Fressfeinde

 

Die wichtigsten Fressfeinde der Lemminge sind

Auch einige Zugvögel ernähren sich von Lemmingen:

 

 Russland
(ehem. UDSSR)

 Alaska

 Kanada

 Grönland
arktischer Lemming
(Dicrostonyx torquatus)

 X

 X

 X

 X
brauner Lemming
(Lemmus sibiricus)

 X

 X

 X
 
Rotfuchs
(Vulpes vulpes)

 X

 X

 X
 
Eisfuchs
(Alopex lagopus)

 X

 X

 X

 X
Hermelin
(Mustela erminea)

 X

 X

 X

 X
Mauswiesel
(Mustela nivalis)

 X

 X

 X
 

Tab. 1. Geographisches Vorkommen von Lemmingen und einiger ihrer Feinde

 

 

Auswirkungen der Lemmingzyklen auf ihre Feindpopulationen

Allgemein liegt die Bedeutung der Räuber in der Verringerung der Beutepopulation und der Verzögerung des Populationsanstieges. Nach den Volterraschen Gesetzen ist aber zu beachten, dass eine zu starke Minderung der Beutepopulation zu einem vollständigen Rückgang der Räuber führt. Die Individuenzahl der Beute kann dann wieder steigen. Die Räuber ihrerseits reagieren zeitlich verzögert auf das vermehrte Nahrungsangebot, d.h. sie können den Populationswachstum der Beute bei deren starker Vermehrung nicht bremsen. Das Vorhandensein von Feinden ist nicht ausreichend zur Erklärung der Sommerverringerungen der Lemminge nach einem Wintermaximum. Selbst wenn man die Winterprädation aufhebt, führt das nicht notwendigerweise zu einem Anstieg der Lemmingpopulation. Der Populationszusammenbruch findet also auch beim Fehlen von Feinden statt. Auch hier kann man also auf die Volterraschen Gesetze zurückgreifen. Die Beutedichte steuert die Populationsdynamik der Räuber und nicht umgekehrt (Abb.4, Tab.2). So folgt dem vierjährigen Lemmingzyklus zeitlich verschoben der gleich lange Zyklus ihres Raubfeindes Eisfuchs.

(In diesen Zusammenhang siehe auch Vergleich Schneeschuhhase/Luchs)

 

 Abb. 4a

Die geschätzten Räuberdichten im Laufe eines Standard - Lemmingzyklus bei Barrow. Zwischen Sommer und Winter sind Perioden von Schneeschmelze und Frost angegeben. (Begon, 1992, nach Batzli et al. 1980)

 

 Abb. 4b

Der Einfluss räuberischer Vögel auf Lemmingpopulationen in vier Jahren, angegeben durch den Prozentsatz der Mortalität, der auf die Räuber zurückzuführen ist. (Begon 1992, nach Osborne 1975)

 

 

Brauner Lemming
(Lemmus sibiricus)

Eisfuchs
(Alopex lagopus)

Bussard
(Buteo lagopus)

1879/80

1880

1879/80

1883/84

1884

1883/84

1887/88

1887

1887/88

1890/91

1892

1891

1894/95

1895

1894/95

1897

1899

1898/99

1902/03

1903

1902

1906

1907

1906

1909/10

1910

1909/10

Tab. 2. Maxima des Auftretens von Lemming, Rot- und Eisfuchs und Bussard in Südnorwegen. (nach Schwerdtfeger, 1978)

 

Auch Parasiten ist nur eine geringe Rolle als treibende Kraft der Zyklen zuzuschreiben. Sie beeinträchtigen Populationen mit Individuen in einem schlechten physischen und psychischen Zustand, die auch für viele andere Sterbeursachen anfällig sind (Begon, 1992 und Bick, 1993)

 

Der Vorteil der Zyklen für die Lemminge liegt in der Unvorhersehbarkeit ihres zeitlichen Auftretens für den Räuber. Entweder sie sind so zahlreich, dass die Räuber und auch die Parasiten sich so schnell nicht vermehren können, oder sie sind so selten, dass eine Suche nach ihnen sich kaum lohnt. Hätten die Lemminge eine konstant hohe Populationsdichte, so würden sie Feinde, Parasiten und Pathogene anlocken. Die Fluktuationen machen es ihnen möglich, unter vergleichsweise niedrigem Feinddruck hohe mittlere Populationsdichten aufrecht zu erhalten.

 

Am Beispiel der Schnee-Eule soll das Verhältnis der Lemmingpopulation zu einer Feindpopulation erläutert werden.

   Alaska Tiergarten Nürnberg
Nahrungsaufnahme
1 adultes Tier/Jahr in kg Lebendgewicht 
 600-1600 Lemminge
= 55-130 kg
2760 Mäuse
= 69 kg 
Nahrungsaufnahme
1 adultes Tier/Tag in g Lebendgewicht  
geschätzt 150 - 350 g  219 g 
Nahrungsbedarf der Jungen während der Aufzucht in Kg Lebendgewicht   1300 Lemminge
= 100 kg
(9 Jungtiere)
2360 Mäuse
= 59 kg
(5 Jungtiere) 
 Nahrungsaufnahme eines Jungen/Tag während der Aufzucht in g Lebendgewicht  160 g
= 2 Lemminge
132 g
= 5,6 Mäuse 

Tab. 3. Vergleich der Nahrungsaufnahmen freilebender Schnee-Eulen und Schnee-Eulen im Tiergarten Nürnberg. (Remmert, 1992)
(1 Lemming mit 80g angesetzt, 1 Maus mit 25 g).

 

Schnee-Eulen sind hoch spezialisiert, was ihre Nahrungsauswahl betrifft. In der freien Natur ernähren sie sich fast ausschließlich von Lemmingen, während sie im Zoo keine andere Nahrung als weiße Mäuse akzeptieren. Sind sie auf diese spezialisiert, fressen sie weder Hamster, noch Lemminge(!!), noch braune Mäuse.

Der Nahrungsbedarf freilebender Schnee-Eulen liegt im Sommer bei 2 bis 3 Lemmingen pro Tag, ein Paar braucht also 5 bis 6. Abhängig von der Lemmingdichte liegt die Größe des Brütterritoriums bei 1 bis 3 km2. Junge Schnee-Eulen werden gefüttert, bis sie fliegen können; in dieser Zeit konsumieren sie etwa 150 Lemminge. Während eines Lemmingdichten-Maximums hat eine Schnee-Eulen-Brut eine Größe von etwa 9 jungen Eulen. Diese konsumieren dann ungefähr 1300 Lemminge (Tab.3). Herrscht eine niedrige Lemmingdichte vor, dann existieren nur rund 300 Lemminge pro km2. Dies reicht nicht einmal aus, um das Elternpaar zu ernähren. Hinzu kommt, dass ein 100%iger Jagderfolg nicht zu erwarten ist und dass aufgrund der niedrigen Lemmingdichte die Wahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens sehr klein ist. Wegen der geringen Dichte besitzt jeder Lemming ein eigenes Gebiet, das er sehr genau kennt. Er ist also relativ sicher vor der Schnee-Eule, da er in seinem fixierten Territorium kaum zu erjagen ist. Die Ernährung einer Brut wird für die Schnee-Eulen also nahezu unmöglich. Nach einer Massenreproduktion erreichen die Lemminge eine Dichte von bis zu 20000 Individuen pro km2. 1300 davon dienen der Ernährung der Jungtiere, weitere 360 der Ernährung der Eltern. Ein Eulenpaar mit Jungen würde also (pro km2 gerechnet) etwa 1700 von insgesamt 20000 Lemmingen eliminieren. Damit sind sie für den Zusammenbruch der Lemmingpopulation kaum von Bedeutung. Zu beachten ist außerdem, dass Lemminge sich zwei- bis viermal im Jahr vermehren mit durchschnittlich 4 bis 6 Jungtieren pro Wurf.

Schnee-Eulen spielen also eine vernachlässigbare Rolle bei hohen Lemmingdichten, bei niedrigen können sie es sich nicht erlauben zu brüten. Dann können sich nur wandernde, isolierte Tiere selbst unterhalten. Schnee-Eulen können Skandinavien lange Zeit fern bleiben, um zu Lemminghochs zurückzukehren und zu brüten.

Ihre Brutplätze in der ehemaligen Sowjetunion sind dagegen relativ konstant besetzt.

Die Anzahl der Säugetierräuber, die ja weniger mobil sind als die Vögel, variiert mit der Lemminganzahl (Remmert, 1980 und 1992).